Die Nähe eines Leidüberwinders

Meine mitteilsame Natur verlangte nach einem Menschen, nicht nach irgendeinem, sondern nach einem, an dessen Geisteskraft ich mich aufrichten konnte. In der Nähe eines großen und reinen Menschen, der selbst viel gelitten und überwunden hat, fällt das Atmen leichter und der Schmerz peinigt weniger. Gewiß konnte ich mir Beethovens Heiligenstädter Testament aufsagen, jene glühenden Worte, die er im Alter von achtundzwanzig Jahren niederschrieb, als er einsehen mußte, daß er sein Gehör, einen Sinn, den er in der größten Vollkommenheit besaß und der für ihn der allerwichtigste war, nicht wiedergewinnen würde. Auch ich war jetzt achtundzwanzig Jahre alt und hatte diese Appassionata während einer Krankheit auswendig gelernt. Aber noch mehr als das stärkste und wahrste menschliche Dokument richtet uns die lebendige Nähe eines Leidüberwinders auf. Es gibt Bücher, die wahrhaft Tröster sind, aber der Händedruck eines zart mitfühlenden Menschen wiegt Bände auf.

Zenta Maurina

Die Krankheit ist eine böse Besatzungsmacht

Es gibt viele Freuden im Leben, doch die reinste und größte ist der Augenblick, in dem man das Abziehen des Schmerzes spürt: der Feind rückt ab, du kannst in dein Inneres zurückkehren, du bist wieder frei, Herr und Gebieter aller Sinne. Die Krankheit ist eine böse Besatzungsmacht, die die Seelenlandschaft verheert und zerstört: weicht sie, so ist es, als ziehen die Okkupanten ab und man ist in seiner eigenen Heimat wieder allein und frei. Man atmet tief und dankbar und gleicht der Erde nach einem fruchtbaren Gewitterregen.

Zenta Maurina

Das Salz der Tränen

Wir hatten oft kein Geld, um einen Brief zu frankieren, aber wir hatten immer genug Übermut, um über die zu lachen, die uns weh taten – nachdem wir vor Kummer über sie geweint hatten. Aber Tränen, die man gemeinsam weint, spülen das Weh in den Ozean des Vergessens. Das Leben duldet kein Vakuum. Auch kann man nicht von ununterbrochenen Niederlagen leben. Solange man lebt, findet man immer wieder eine Tür, nur darf das Herz vom Salz der Tränen nicht verbittert sein.

Zenta Maurina

Nicht das Herz, den Tod zu dulden, noch den Mut, das Leben zu ertragen

Nicht das Herz, den Tod zu dulden, noch den Mut, das Leben zu ertragen – ja was soll man mit dem wohl anfangen?

„Die Menschen werden nicht durch die Dinge selbst geplagt, sondern durch die Auffassung, die sie von den Dingen haben“ (Epiktet). Es wäre viel für die Erleichterung unserer menschlichen Armseligkeit gewonnen, wenn man diese Behauptung als durch und durch wahr erweisen könnte. Denn wenn die Übel nur durch unsere Auffassung auf uns wirken können, scheint es ganz in unserer Gewalt zu liegen, sie zu verachten oder als etwas Gutes aufzufassen. Wenn sich die Dinge derartig unserem Willen unterwerfen, warum lenken und wenden wir sie denn nicht zu unserem Vorteil? Wenn das, was wir Übel und Leid nennen, an sich weder Übel noch Leid ist, sondern nur unsere subjektive Auffassung ihm diese Eigenschaften beilegt, so steht es in unserer Macht, diese Eigenschaften zu ändern. Und wenn wir die freie Wahl haben und niemand uns zwingt, so sind wir sonderbare Käuze, uns für die wenigst erfreuliche Seite zu entscheiden und den Krankheiten, der Armut und der Verachtung einen bittern und schlechten Geschmack zu geben, wenn wir ihnen einen guten geben können. Wenn das Schicksal uns einfach den gleichgültigen Stoff liefert, ist es an uns, ihm die Form zu geben.

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Beizeiten lernen, richtig zu sterben und zu leben

Die ersten Lehren, mit denen man seinen Verstand tränken soll, sollten die sein, die sein Verhalten und sein Denken leiten, ihn lehren, sich zu erkennen und richtig zu sterben und zu leben.

Da die Philosophie uns lehrt zu leben, und die Jugend wie die anderen Lebensalter da ihren Lehrstoff findet, warum vermittelt man sie ihr dann nicht? „Feucht und weich ist der Ton, jetzt beeile dich und eifrig drehend bilde ihn“ (Persius).

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Mensch unter Nebenmenschen

„Ich war gestern in Melk – das war a Wetter“, sagt einer plötzlich auf der Eisenbahn zu mir. „Der Eder soll g’storben sein, der kaiserliche Rat“, sagt einer am Nebentisch plötzlich zu mir. „Großer Mann geworden!“ sagt einer in ganz anderem Tonfall plötzlich auf der Elektrischen zu mir und zeigt nach einem, der soeben ausgestiegen und auf dessen Bekanntschaft er offenbar stolz ist.

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Der Bürger und die Politik

Ich halte die Politik für eine mindestens ebenso vortreffliche Manier, mit dem Ernst des Lebens fertig zu werden, wie das Tarockspiel, und da es Menschen gibt, die vom Tarockspiel leben, so ist der Berufspolitiker eine durchaus verständliche Erscheinung. Um so mehr, als er immer nur auf Kosten jener gewinnt, die nicht mitspielen. Aber es ist in Ordnung, daß der politische Kiebitz zahlen muß, wenn das geduldige Zuschauen seinen Daseinsinhalt bildet. Gäbe es keine Politik, so hätte der Bürger bloß sein Innenleben, also nichts, was ihn ausfüllen könnte.

Karl Kraus

Über die Erziehung des Menschen

Der Mensch ist das einzige Geschöpf, das erzogen werden muß. Der Mensch kann nur Mensch werden durch Erziehung. Er ist nichts, als was die Erziehung aus ihm macht.

Kinder sollen nicht dem gegenwärtigen, sondern dem zukünftig bessern Zustande des menschlichen Geschlechts, das ist: der Idee der Menschheit und deren ganzer Bestimmung angemessen, erzogen werden. Dieses Prinzip ist von großer Wichtigkeit. Eltern erziehen gemeiniglich ihre Kinder nur so, daß sie in die gegenwärtige Welt, sei sie auch verderbt, passen. Sie sollten sie aber besser erziehen, damit ein zukünftiger besserer Zustand dadurch hervorgebracht werde.

Immanuel Kant

Eine Ehefrau sollte ein Mann nicht besitzen

Hört man von einem, er wohne immer allein, so ist das reizvoll; heißt es aber, er sei als Schwiegersohn in eine Familie eingetreten oder habe sich eine Frau genommen, so fühlt man sich gleich enttäuscht. Begnügt er sich mit einer Frau von allzu gewöhnlicher Art und hat sie dann dauernd um sich, so dünkt es uns selber gar zu feil. Ist es aber eine vorzügliche Dame, so heißt es wohl bald, er trage sie auf Händen und verehre sie wie seinen Buddha. Nimmt er sich eine, die sich trefflich auf den Haushalt versteht und auf sonst nichts, tut der Mann einem wirklich leid. Kommen dann die Kinder zur Welt, so werden sie so verwöhnt, daß es widerwärtig ist. Wird die Frau nach dem Tod des Mannes Nonne und welkt langsam dahin, so wirkt das, je länger der Mann tot ist, immer trübseliger. Mag eine Frau sein, wie sie will – es muß peinlich und erbitternd sein, sie Tag und Nacht um sich zu sehen. Auch die Frau wird einen solchen Zustand auf die Dauer quälend finden. Getrennt leben und manchmal unerwartet erscheinen, das dürfte viel eher zu einem Verhältnis führen, das lange währt. Sucht der Mann die von ihm Geliebte nur vorübergehend auf und bleibt dann eine Nacht, so ist es für beide stets ein überwältigendes Erlebnis.

Yoshida Kenko

Kein Geschlecht hat den mindesten Wert ohne das andere

Kein Geschlecht hat den mindesten Wert ohne das andere

Kein Geschlecht hat den mindesten Wert ohne das andere; zusammen genommen machen sie die Menschheit aus. Wir spielen aus einer Kasse, und die Natur hat Mann und Weib so zusammengefügt, daß kein Mensch sie scheiden kann. Ineinander verwebt, ist eins um des andern willen. Was kann sich ohne Weiber gruppieren?

Gehe mit einem dir völlig gleichgültigen Weibe um – ehe du es merkst, wird deine Seele in die ihrige eingreifen; ihr werdet nicht voneinander lassen, ohne daß Lust oder Liebe hierbei den mindesten Einfluß hat. Dieser Einklang ist Geschlechtstrieb, oder inniges geheimes Gefühl, Bestätigung der göttlichen Worte: Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei.

Ohne Eva ist Adam ein Tier, und Eva ohne Adam eine Klosterjungfer.

Gottlieb Hippel